Der Stoff nahtloser Bildungsbiographien von Mädchen
Armut und Stigmatisierung haben viele Gesichter – eines davon ist ein spezifisch weibliches. Das Bruder und Schwester in Not [BSIN]-Projekt „Ein Schulabschluss für Mädchen“ bricht an Sekundarschulen im Nordwesten Tansanias mit dem „Menstruationstabu“.
Ein Projekt macht Schule
Der fehlende Zugang zu Wissen rund um den weiblichen Zyklus, Waschräumen an den Schulen sowie zu leistbaren Hygieneartikeln hat für Mädchen und Frauen vielfältige Konsequenzen. Dazu zählt der Umstand, dass tansanische Mädchen während ihrer Regelblutung häufig dem Unterricht fernbleiben. Die Folge sind unzählige Fehlstunden, die in vielen Fällen im kompletten Schulabbruch münden. Einen Ausweg in Richtung kontinuierlicher Schulbesuch schlägt das genannte Projekt ein.
Der Norden Tansanias gilt als eine der Wiegen der Menschheit und ebendort schlug 2023 im Distrikt Biharamulo die Geburtsstunde des Projekts. Ins Leben gerufen von Mastidia Richards, Programmkoordinatorin und langjährige Mitarbeiterin der lokalen NGO RN-HLDI (kurz für Rulenge-Ngara Human Life Defence Initiative), kann das Projekt inzwischen einerseits auf eine wahrhafte Erfolgsgeschichte zurückschauen und andererseits voller Zuversicht in die Zukunft blicken.
Bisher konnte RN-HLDI mit seinem Projekt die Situation menstruierender Mädchen und junger Frauen bereits an vier der insgesamt 22 Sekundarschulen in Biharamulo entscheidend verbessern. Eindrücklich beweist dies zum einen der Anstieg der Schulbesuche während der bisherigen Projektlaufzeit um 20 Prozent. Zum anderen zieht das zukunftsweisende Vorhaben dank seiner Erfolge weite(re) Kreise: Aktuell beteiligen sich daran drei zusätzliche Sekundarschulen aus dem Distrikt.
Regelmäßiger Bildungsweg dank nachhaltig geschlechtersensibler Teilhabe
Ein zentraler Aspekt ist zunächst der Zugang zu Produkten der Monatshygiene. Diesen nehmen die Schülerinnen nun selbst in die Hand – und das im eigentlichen Sinne in Form von Stoff und Faden. Alte Textilien wie ausgemusterte Kleidungsstücke oder ausgediente Decken sind die Basis für selbstgenähte und wiederverwendbare Monatsbinden: ein in jeder Hinsicht nachhaltiges Verfahren, vor allem für junge Menschen, die sich in Europa übliche Einwegartikel nicht leisten können. Die dazu erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten werden den Mädchen vorab in Workshops vermittelt.
Darüber hinaus stellt die Verbesserung bzw. Errichtung von sanitärer Infrastruktur an den teilnehmenden Schulen die Umsetzung der RN-HLDI-Projekts auf ein solides, zukunftstaugliches Fundament. Häufig fehlt es neben den Hygieneprodukten an eigenen Waschgelegenheiten für die betroffenen Schülerinnen oder überhaupt an sauberem Wasser. Damit einhergeht ein mangelhafter Zugang zu Privatsphäre, Wohlbefinden und Gleichberechtigung oder kurz: zu einer lernförderlichen Umgebung für Schülerinnen während ihrer Menstruation. Dass die Mädchen selbst im Unterricht vor unliebsamen Überraschungen gefeit sind, stellt eine Lehrperson sicher, die im Notfall mit Einwegprodukten und Schmerzmitteln aushelfen kann.
Beispielhafte Selbstwirksamkeit mit Breitenwirkung
Jesca Dosela und Lucia Ruhinda sind nur zwei der zahlreichen Schülerinnen im Nordwesten Tansanias, deren Lebensläufe durch die Teilnahme am Projekt eine überaus positive Wende nahmen. Für sie füllen sich Schlagwörter wie Würde und Privatsphäre, Selbstwirksamkeit und Geschlechtersensibilität, gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit mit neuer, endlich (schul-)alltagstauglicher Bedeutung. Daneben spricht die breite Unterstützung der bewusstseinsbildenden Maßnahmen durch unterschiedlichste Akteur:innen wie Distriktbehörden, Dorfräte oder Gemeindeausschüsse eine eindeutige Sprache und somit für die positive Resonanz, die das Menstruationsprojekt vor Ort allgemein erfährt.
Das heißt: Die Unterstützung der jungen Frauen in Biharamulo durch RN-HLDI zielt auch auf deren persönliches Umfeld ab, namentlich Familienangehörige, Lehrpersonen, Politik und Verwaltung, Medien und nicht zuletzt männliche Mitschüler. Schulungen und gelebte Praxis sollen der lokalen Bevölkerung wissenschaftliche Fakten zum Thema weiblicher Zyklus vermitteln und dadurch dabei helfen, die sogenannten Menstruationsstigmata abzubauen. Nach wie vor verschleiern vorherrschende tradierte Mythen, Tabus und Missverständnisse eine klare und vorurteilsfreie Sicht auf weibliche Realitäten.
Fehlen im System – Fehler mit System?
Dass zahlreiche Mädchen im tansanischen Distrikt Biharamulo dem System Schule fernbleiben, wurde in der Vergangenheit mehrheitlich als gegeben hingenommen. Erst Mastidia Richards nahm diesen blinden Flecken in den Blick, der immerhin rund die Hälfte der Gesamtbevölkerung nicht nur sprichwörtlich in den Schatten stellt. Im Laufe ihrer Arbeit im WASH-Projekt der RN-HLDI, das ursprünglich auf die Wasser- und Sanitärversorgung in den Dörfern der Diözese Rulenge-Ngara abzielte, entwickelte sie sich zur Expertin für Menstruationsgesundheit. Sie identifiziert gleich mehrere Gründe, die in ihrem unheilvollen Zusammenspiel die prekäre Situation von menstruierenden Schülerinnen prägen.
Die Palette reicht von Menstruationsarmut, dahinter verbirgt sich die Tatsache, dass sich viele Mädchen Monatshygiene schlicht aus monetären Gründen nicht leisten können, über körperliche Schmerzen bis hin zur Angst, die teure Schuluniform zu verschmutzen. Eine weitere unrühmliche Rolle spielen die bereits erwähnten Mythen, die Tabuisierung und damit einhergehend die Stigmatisierung der Regelblutung sowie die thematische Nähe zur Sexualität. Eltern und Lehrpersonen sprechen mit den ihnen anvertrauten Kindern häufig weder über das eine noch über das andere. Dies betrifft nicht nur Mädchen, sondern die Buben gleichermaßen.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch der offizielle Lehrplan entsprechende Inhalte ausspart. Das heißt, die unzähligen Fehlstunden der Mädchen basieren auf einem Fehlen im (Schul-)System, der es den Akteur:innen in den Schulen und darüber hinaus erlaubt, über die spezifischen Herausforderungen und Bedürfnisse menstruierender Schülerinnen hinwegzusehen. Mit dem Projekt „Ein Schulabschluss für Mädchen“ rücken diese Probleme, vor allem aber deren nachhaltige Lösungen in den Blickpunkt.
Das Ziel weist den Weg zur erfolgreichen Umsetzung
Schweigen, das durch fundierte Aufklärung gebrochen wird, geschlechterspezifischer Ausschluss, der sich in inklusiv gestaltete Rahmenbedingungen verwandelt, und Scham, die ihren angestammten Platz für Wissen und Würde räumen muss: Der Erfolg des Projekts schreibt viele individuelle, höchst persönliche Geschichten, die in ihrer Gesamtheit das Gesicht eines ganzen tansanischen Distrikts verändern. Das macht Mut. Das macht Schule. Wohin das führt? Bildung ist „der einzige Weg zu einem selbstbewussten, selbstbestimmten Leben, zu Arbeit und Wohlstand, zu Eigenständigkeit und Unabhängigkeit“. Diese verheißungsvoll klingenden Töne schlägt Maria Ma an. Die Tiroler Hackbrettspielerin engagiert sich aus Überzeugung lautstark für das BSIN-Projekt „Ein Schulabschluss für Mädchen“: ein vielsagender Titel, der sowohl das Ziel als auch den Erfolg des Vorhabens in aller Dringlichkeit auf den Punkt bringt.
Text: Lisa Burtscher