Bolivien zwischen Wirtschaftskrise und politischem Umbruch
Einblicke in die Lage nach den Wahlen
Bolivien durchlebt eine Phase tiefgreifender Veränderungen. Beatriz „Betty“ Condori Quispe – bolivianische Frauenrechtsverteidigerin und Regionaldirektorin von CIPCA Altiplano – schildert die Situation im Land wenige Monate nach den nationalen Wahlen.
Das Land befinde sich in einer „Krise, gekennzeichnet durch Inflation, Treibstoffknappheit, Devisenmangel, Schmuggel und steigende Preise für Grundnahrungs-mittel und andere Produkte“, so Betty. Zugleich findet ein politischer Umbruch statt: Die über zwei Jahrzehnte dominierende Linkspartei Movimiento al Socialismo (MAS) (Bewegung zum Sozialismus) verlor bereits vor den Wahlen an Einfluss, vor allem durch interne Macht- und Ausrichtungskämpfe, verfehlte Wirtschaftspolitik, steigende Staatsverschuldung und politische Skandale, während traditionelle konservative politische Kräfte wieder an Bedeutung gewannen.
Politischer Wandel – Chance oder Risiko?
Die Ergebnisse der nationalen Wahlen vom 19. Oktober 2025 markierten einen Wendepunkt: den Übergang von einer indigen geprägten Regierung hin zu einer neuen Mitte-Rechts-Regierung. Betty erklärt, dass nach rund 20 Jahren eines gemeinschaftsbasierten Modells nun ein neuer politischer und wirtschaftlicher Zyklus beginnt. „Die Erwartungen in der Bevölkerung sind hoch, dass sich vor allem die wirtschaftliche Situation ändern wird.“
Unklar bleibt, wie sich dieser Wandel auf die indigenen und vor allem landwirtschaftlich geprägten Ethnien auswirken wird: Werden sie ihre auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ausgerichteten Strukturen stärken können – oder droht eine Marginalisierung ihrer Forderungen?
Wir haben Betty dazu nach ihrer Meinung gefragt.
Wie wurde der Wahlprozess von der Bevölkerung wahrgenommen?
„Der Wahlprozess fand vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise, Misstrauen, Zersplitterung, Unsicherheit und Polarisierung statt. Dennoch verliefen die Wahltage mehrheitlich friedlich.
Die Kandidaten Rodrigo Paz und Edmand Lara von der Christdemokratischen Partei (PDC) errangen in der zweiten Runde überraschend den Sieg und erhielten Unterstützung indigener Gemeinschaften. Wahlbeobachtungsmissionen berichten, dass die Wahl zufriedenstellend mit einer hohen Wahlbeteiligung verlaufen ist.“
Gab es in der Region oder in der Nähe Ihrer Projekte besondere Vorfälle?
„Während des Wahlprozesses verschärfte sich die Treibstoffknappheit, die Menschen mussten sich bis zu 7 Stunden an den Tankstellen anstellen, die Schlangen waren lang. Und es kam zu politischen Spannungen. Verschärft wurde die Situation durch den steigenden Dollarkurs und die Preisinstabilität. Dies erschwerte im Kontext der Projekte das Reisen in unsere abgelegenen Einsatzgebiete im Altiplano und das Umsetzen geplanter Aktivitäten. Die schlechte Benzinqualität [Anmerkung: Benzin wurde mit anderen Flüssigkeiten gestreckt] verursachte Schäden an Dienstfahrzeugen und wichtige Materialien wurden teurer oder waren nicht verfügbar.“
Welche Hoffnungen sind mit diesem Wahlergebnis verbunden?
„Die Bevölkerung wählte die neue Regierung in der Hoffnung auf wirtschaftliche und politische Veränderungen sowie auf eine insgesamte Verbesserung der Lage im Land. In ländlichen Gebieten besteht die Hoffnung, bei der Regierungsführung berücksichtigt zu werden und die sozialen Errungenschaften der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung, die meist indigen geprägt sind, zu sichern.“
Was werden Ihrer Einschätzung nach die größten politischen und sozialen Veränderungen sein – auch in Bezug auf die Rechte der Bevölkerung?
„Es wird erwartet, dass die Regierung vor allem im Bereich der Kraftstoffversorgung Maßnahmen ergreifen wird. Um die Wirtschaft zu stabilisieren, muss Rodrigo Paz Reformen im Finanzsystem, in der Energiepolitik und in staatlichen Strukturen angehen.
Die einschneidendste Veränderung wird sich im Verhältnis zur indigenen Bevölkerung zeigen: Ihre repräsentativen Organisationen werden in der Regierungsführung wohl nicht priorisiert, was in Zukunft zur Vernachlässigung ihrer zentralen Forderungen führen kann.
Auch in Hinblick auf andere vulnerable Gruppen wie Frauen, Kinder, Jugendliche, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen besteht die Möglichkeit, dass ihre spezifischen Rechte weniger beachtet werden. Im Regierungsprogramm werden Themen wie die Rechte indigener und bäuerlicher Gemeinschaften, Frauenrechte und Gewaltprävention kaum behandelt. Sogar Maßnahmen zur Aufhebung des Gesetzes, das Frauen ein Leben frei von Gewalt garantiert (Gesetz 348), wurden angekündigt.“
Was halten Sie für die größte Herausforderung in den kommenden Monaten?
„Eine erste Herausforderung für Paz besteht darin, sein Versprechen nach einer schnellen Verbesserung der Treibstoff- und Devisenversorgung einzuhalten.
Angesichts der aktuellen Zusammensetzung der Legislativversammlung wird die Regierung zudem Koalitionen bilden und programmatische Vereinbarungen eingehen müssen, um handlungsfähig zu bleiben.
Auch das Verhandeln mit zivilgesellschaftlichen Organisationen ist entscheidend, um Konflikte zu vermeiden und Konsens über politische Agenden zu erreichen – eine Chance für die indigene Bevölkerung , stärker in politische Prozesse eingebunden zu werden.“
Wird der Regierungswechsel Auswirkungen auf die Durchführung der Projekte von CIPCA haben?
„Die neue Regierung strebt eine Reduzierung und Umstrukturierung des Staatsapparats an – darunter die Abschaffung wichtiger Ministerien. So könnte es für CIPCA schwieriger werden, auf nationaler Ebene politischen Einfluss zu nehmen.
Sollte die Regierung zudem keine Verbesserung der Treibstoffversorgung und Stabilisierung der Wirtschaftskrise erreichen, könnte sich das direkt auf unsere Projekte auswirken – etwa durch eingeschränkte Mobilität, erschwerte Beschaffung von Materialien und mögliche soziale Konflikte in den Projektregionen.
Unsere Herausforderung besteht darin, eine Strategie zu entwickeln, um die indigene Bevölkerung zu stärken – insbesondere in den Bereichen Führungskapazitäten, Interessenvertretung und Anwaltschaft sowie der Entwicklung eigener Agenden.“
Wie haben die indigenen Verwaltungsgremien im Altiplano auf die Wahlergebnisse reagiert?
„Die indigenen Verwaltungsräte erklärten, obwohl sie nicht Teil der Regierung sind, dass sie die Ergebnisse der allgemeinen Wahlen respektieren werden. Gleichzeitig machten sie jedoch deutlich, dass sie nicht bereit sind, auf die erreichten sozialen Errungenschaften zu verzichten, und fordern weiterhin die Achtung des plurinationalen Staates [Anm.: ein Staat, in dem indigene Völker bewusst anerkannt und beteiligt werden] sowie der politischen Verfassung.
Dies schafft einen Kontext, in dem die indigenen Verwaltungsgremien aufgrund ihrer früheren politischen Rolle während der Regierungszeit der MAS fragmentiert und geschwächt sind. Vor diesem Hintergrund stehen ihre Organisationen vor der Aufgabe, sich neu zu organisieren, ihre Positionierung gegenüber der Regierung anzupassen und ihre Forderungen neu auszurichten, um auf die wirtschaftliche und soziale Krise im Land und in ihren Gemeinschaften zu reagieren.
Erwarten Sie unter der neuen Regierung Veränderungen in der Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen oder lokalen Verwaltungen?
„Angesichts des Ausschlusses indigener Organisationen an partizipativen Prozessen der Regierung könnten NGOs wie CIPCA zu wichtigen Gesprächspartnern für den land-wirtschaftlichen Sektor werden. Auch Gemeinden werden vermehrt die Unterstützung von NGOS anfragen – so könnten sich NGOs zu führenden Akteuren bei der Unterstützung sozialer Anliegen etablieren.
Es könnten auch neue offene Beziehungen zwischen der Regierung und NGOs geschaffen werden, da letztere unter der MAS-Regierung mit administrativen, rechtlichen und politischen Einschränkungen konfrontiert waren.“
Danke für das Interview.
Text: Teresa Bösch