09.03.2026

Selbstbestimmung als Schlüssel zur Veränderung

Beatriz „Betty“ Condori Quispe – eine Pionierin für Frauenrechte und ländliche Entwicklung in Bolivien

Seit Jahrzehnten kämpft Beatriz „Betty“ Condori Quispe gegen geschlechtsspezifische Gewalt in ihrer Heimat Bolivien. Mit ihrer Arbeit hat sie maßgebliche Veränderungen angestoßen und zahlreiche Frauen darin bestärkt, ihre Rechte wahrzunehmen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Heute bringt Betty ihre langjährige Erfahrung als Kämpferin für Frauenrechte in ihre Rolle als Direktorin von CIPCA (Centro de Investigación y Promoción del Campesinado) ein, wo sie sich unter anderem für die Unterstützung und Förderung marginalisierter Bevölkerungsgruppen engagiert. Einen besonderen Schwerpunkt liegt dabei auf der Förderung von Frauenrechten. Doch Bettys Weg war kein leichter. Ihr Kampfgeist entspringt ihrer eigenen Erfahrung der Unterdrückung und wurde durch die Begleitung anderer Frauen geschärft und fokussiert. Für diesen Bericht haben wir sie gebeten, uns mehr über ihren Weg zu erzählen. 

Eine prägende Kindheit

Betty stammt ursprünglich aus einer bäuerlichen Familie in der Gemeinde La Paz im Westen Boliviens. Als Säugling wurde sie zur Erziehung an ihre Großmutter übergeben. Doch im Alter von sieben Jahren musste sie nach dem Tod ihrer Großeltern zu ihren Eltern zurückkehren.

Damit begann für sie ein schwieriger Lebensabschnitt, der von Gewalt, Einschränkung und Unterdrückung geprägt war. In ihrem Elternhaus erfuhr Betty bereits früh körperliche und psychische Gewalt. Ebenso früh musste sie Verantwortung im Haushalt und für die Betreuung ihrer Familie übernehmen. Der damit verbundene hohe Arbeitsaufwand erschwerte den Zugang zu Bildung.  

Diese dramatische Zeit weckte den rebellischen Geist der jungen Betty. Sie nahm verschiedene kleine Jobs an, etwa als Verkäuferin von Busfahrkarten, und engagierte sich im sozialen Bereich. Beispielsweise organisierte sie mit Nachbarskindern Spendenaktionen für Weihnachtsgeschenke. Als Jugendliche entdeckte Betty das Fußballspielen – ein Hobby, das ihr durch den Aufstieg zur Profispielerin und durch die damit verbundenen Einkünfte später den Schul- und Universitätsabschluss finanzierte.  

Es war jedoch weit mehr als Sport und Geldquelle, erzählt Beatriz „Betty“ Condori Quispe. Die junge Frau erfuhr durch den Fußball Anerkennung in einer traditionell männlich geprägten Sportart und ermöglichte sich selbst einen akademischen Bildungsweg. Letzterer war gleichzeitig der große Schritt in ihre persönliche Freiheit. Diese Erfahrung, so die heutige CIPCA-Direktorin, war prägend für sie: „Selbstbestimmung ist der Schlüssel zur Veränderung der Lebensrealität von Frauen.“, ist Betty überzeugt. 

Gregoria Apaza: Entwicklung des „Promotoras“-Modells

1999 begann Betty ihre Arbeit bei dem Frauenförderungszentrum „Gregoria Apaza“ (CPMGA), einer gemeinnützigen Organisation in El Alto, die sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Bolivien einsetzt. Kurz zuvor war das erste bolivianische Gesetz gegen Gewalt in der Familie verabschiedet worden und die Gemeinde El Alto galt damals als Vorreiterin bei der Förderung von Frauenrechten: Gregoria Apaza war die erste Einrichtung, die seit 1995 eine Pilotstrategie zur Prävention von Gewalt gegen Frauen umsetzte.

Zu dieser Zeit wurden Gewaltthemen weitgehend verschwiegen. „Die Frauen erstatteten keine Anzeige, weil sie ihre Rechte nicht kannten“, erinnert sich Betty. Vor diesem Hintergrund wurde ein erstes Ausbildungsmodell für Frauen mit Gewalterfahrung entwickelt, die in ihrem Kontext als Multiplikatorinnen agieren sollten. Diese Frauen waren die Vorgängerinnen der heutigen Promotoras.  

Erste Erfolge stellten sich rasch ein: Betroffene Frauen begannen erstmals, Anzeige zu erstatten.  Umso bestürzender war die Entdeckung, dass zahlreiche Frauen nach dem ersten Erstatten einer Anzeige doch wieder ins gewalttätige Umfeld zurückkehrten.  

Betty veranlasste eine Untersuchung, die ergab, dass der starke Druck aus dem sozialen Umfeld maßgeblich dazu beitrug. Die Ausbildungsmodelle wurden daraufhin angepasst und mehrfach überarbeitet.  

Heute sind die Promotoras nicht mehr aus der Gesellschaft wegzudenken. Was als Pilotprojekt begonnen hatte, entwickelte sich über die Jahre zum erfolgreichen Modell einer Erstanlaufstelle für von Gewalt betroffene Frauen. Viele der damals ausgebildeten Frauen haben heute Führungspositionen in Nachbarschafts-, Schul-, Gemeinde- und Provinzialräten oder engagieren sich politisch.

Betty war zudem gemeinsam mit vielen Organisationen und geschulten Frauen maßgeblich daran beteiligt, einen weiteren Meilenstein zu setzen: Es gelang ihr, auch die Ausbildung der Promotoras gesetzlich zu verankern. Dieser Meilenstein verbindet lokale Verantwortung und staatliche Verpflichtung zugunsten eines gewaltfreien Lebens von Frauen. 

Mit CIPCA für Frauen im ländlichen Raum

Im März 2025 übernahm Betty die Leitung des Centro de Investigación y Promoción del Campesinado (CIPCA) – übersetzt das Zentrum für Forschung und Förderung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. In ihrer Arbeit verbindet CIPCA stets Interventionen auf lokaler Ebene mit Forschungsarbeit und Anwaltschaft auf nationaler Ebene. Die Organisation ist regional, national und international gut vernetzt. Seit 2013 ist CIPCA Projektpartner von Bruder und Schwester in Not. Aktuell wird ein gemeinsames Projekt in den Gemeinden San Pedro de Totora und Corque umgesetzt. Ein weiteres Projekt mit ähnlichem Schwerpunkt wird über BSIN vom österreichischen Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft ermöglicht.  Die Projektregion liegt im bolivianischen Hochland auf bis zu 4.800 Metern Höhe und gilt als strukturell vernachlässigt.

Die dort lebenden Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sind zumeist Angehörige des indigenen Volkes Aymara und mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert: Die Folgen des Klimawandels reduzieren die landwirtschaftlichen Erträge und gefährden die Ernährungssicherheit. Gleichzeitig nimmt häusliche Gewalt zu, insbesondere Gewalt gegen Frauen und Mädchen.  

Das gemeinsame Projekt zielt darauf ab, die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig zu verbessern. Ein zentraler Fokus liegt neben den landwirtschaftlichen Aspekten auf der Stärkung von Frauenrechten.

Frauen der Projektregion werden zu den bereits erwähnten Promotoras ausgebildet, um Gewaltbetroffene zu begleiten. Gleichzeitig werden in den Gemeinden Schulungen durchgeführt, die zur Ausbildung weiterer Promotoras motivieren sollen. In Bildungseinrichtungen finden Präventionskampagnen gegen Gewalt statt und der Austausch von Promotoras in nationalen Netzwerken wird ausgebaut, indem Promotoras aus verschiedenen Teilen des Landes zusammengebracht werden und Erfahrungen austauschen können.

Bettys Vision: Eine gerechte Gesellschaft

Betty hat in der Vergangenheit bereits viel erreicht. Besonders im Bereich Frauenrechte und im Kampf gegen Gewalt an Frauen hat sie sich über viele Jahre hinweg engagiert und spürbare Veränderungen bewirkt – auch in ihrer neuen Rolle als CIPCA-Direktorin verfolgt Betty eine klare Vision: Sie möchte eine gerechtere Gesellschaft aufbauen und Ungleichheiten verringern. 

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