Wie Peter Kubal sich selbst Zukunft schuf
Seine Geschichte beginnt nicht mit Erfolg, sondern mit Hoffnung und einer Menge Herausforderungen:
Peter Kubal gelang es durch seine Teilnahme an Aktivitäten eines EZA-Projekts nicht nur, den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu finanzieren, sondern er gilt heute auch als Inspiration für viele Karamajong.
Das Leben in der Karamojaregion war noch nie einfach. Neben den harten klimatischen Bedingungen treten auch heute immer wieder bewaffnete Konflikte zwischen ethnischen Gruppen auf. Die Alphabethisierungsrate ist seit Jahren niedrig. Die Konflikte lassen die Chancen auf Bildung oder Einkommen weiter sinken.
Kein Anfang ist leicht
Der heute 25-jährige Peter Kubal gehört zur ethnischen Gruppe der Karamajong. Die nach dieser Ethnie benannte Karamoja-Region liegt im äußersten Nordosten Ugandas, zwei Tagesreisen von der Hauptstadt Kampala. Peter wächst in dem kleinen Dorf Locerep auf. Wie die meisten Menschen dort lebt auch Familie Kubal von Rindern. Im Jahr 2010 erlebt Peters Familie ihren größten Tiefpunkt: Ihre gesamte Herde und damit auch der bedeutendste Besitz, wird von Kriegern einer anderen ethnischen Untergruppe der Karamajong gestohlen. Mit einem Schlag verliert die Familie ihre gesamte Nahrung und ihr gesellschaftliches Ansehen. Peter ist damals neun Jahre alt. Der Neunjährige erkennt den Schulbesuch als einzigen Weg, sich und seine Familie aus dieser Krise zu befreien. Der Schulweg ist eine tägliche Herausforderung: Zwölf Kilometer muss er zu Fuß zurücklegen, um die Schule in einem benachbarten Dorf besuchen zu können. Dabei hat er sich über schlechte Wege durch Gestrüpp zu kämpfen, Wildtieren auszuweichen und nicht nur das - er riskiert, bewaffneten Kriegern verfeindeter Ethnien zu begegnen.
Allen Widrigkeiten zum Trotz schließt er die Grundschule ab. Für die weiterführenden Schule fehlen ihm die finanziellen Mittel. Ein ehemaliger Schulleiter verschafft ihm schließlich einen Platz in einer Bildungseinrichtung in Kapchorwa, 500 Kilometer von zu Hause entfernt. Dort hilft er abends und am Wochenende im Haushalt und erhält im Gegenzug Schulmahlzeiten. Trotz knapper Finanzmittel bewirbt er sich an der Kaabong Technical School um ein Zertifikat in Landwirtschaft.
Wendepunkt durch das Jugendcamp der Mill Hill Missionaries
2024 ist Peter Kubal zurück in der Karamojaregion und nimmt an einem Jugendcamp der Mill Hill Missionaries in Loyoro teil. Thema des Camps: „Behaviour Change and Career Guidance“, in anderen Worten: Wie kann man durch sein eigenes Verhalten seine beruflichen Möglichkeiten erweitern? „Ich war erstaunt und begeistert von den vielen Möglichkeiten, die mir dieser Kurs geboten hat", erzählt Peter. Dieses Camp bringt einen weiteren Motivationsschub, die Ausbildung ernst zu nehmen und er absolviert zwei Praktika. Eines zum Thema Agroforstwirtschaft mit dem Schwerpunkt Bienenzucht, Geflügelhaltung und Gruppenförderung und ein weiteres am Nationalen Forschungsinstitut für semiaride Ressourcen in Serere.
2025, nach Abschluss seiner Ausbildung, meldet er sich freiwillig wieder bei den Mill Hill MIssionaries und beteiligt sich am Women and Youth Empowerment Project (WYEP Projekt) in der Pfarrei Loyoro, was ihm die Tür zum Jugendcamp ein Jahr später öffnen wird. Doch dabei bleibt es nicht. Im August 2025 vertieft er sein Wissen bei einer einwöchigen Schulung zur Bambusvermehrung in der Talent Agroforstry Farm im Nakaseke Distrikt.
Jugend Camp 25 - Eine Woche die alles verändert
„Ich bin voller Wissen und Fähigkeiten. Lasst uns rausgehen und zeigen, dass wir dabei waren." Mit diesen Worten verlässt Kubal im Januar 2025 das einwöchige Jugendcamp in der Pfarrei Sacred Heart of Jesus Loyoro im Bezirk Kaabong. Ins Leben gerufen von den Mill Hill Missionaren der Diözese Kotido, geleitet vom Landwirtschaftsbeauftragten Obin Bernard Eriya gemeinsam mit der gemeinnützigen Organisation Organic Impact Ltd, verfolgte das Camp ein einfaches, aber wirkungsvolles Ziel, nämlich die Zukunftschancen der Jugendlichen zu erhöhen.
Dass der Schwerpunkt des Camps auf klimaschonender Landwirtschaft lag, war kein Zufall. Karamoja ist eine halbtrockene Region, in der Ernteausfälle, Nahrungsmittelknappheit, Hunger und interethnische Konflikte zum Alltag gehören. Wer hier überleben will, braucht mehr als Hoffnung. Es braucht Methoden. Die Jugendlichen lernten deshalb, wie man Zai Gruben anlegt [Anm.: halbmondförmige Pflanzgruben, die den Wasserabfluss verlangsamen], Kompost herstellt, Regenwasser auffängt und durch Mulchen den Boden vor Austrocknung schützt.
Sein erster Auftrag
Versprochen ist versprochen. Nach Abschluss des Camps will Peter Kubal das Gelernte in die Praxis umsetzen. Sein erster Auftrag führt ihn zurück in die Pfarre in Loyoro, wo er im Rahmen des Projekts zur Stärkung von Frauen und Jugendlichen (WYEP) einen klimaschonenden Garten anlegt und gleichzeitig andere Jugendliche ausbildet. Mittlerweile ist er Teamleiter und gräbt Zai Gruben und Wasserrückhaltegräben, stellt Kompost her und pflanzt Tomaten, Papayas und Passionsfrüchte.
Sechs Monate später spricht das Ergebnis für sich: Während die Region ringsum in der Hitze verdorrt, stehen Kubals Papayas grün und kräftig da und die Passionsfruchtreben tragen gesunde Früchte. Seine neue Methode, Zai-Gruben anzulegen und nur zweimal die Woche die Pflanzen zu gießen, haben es möglich gemacht.
Einen Garten für die Heimat
Zurück in seinem Heimatdorf Locerep, legt er daraufhin auf einem knapp 800 Quadratmeter großen Stück Land seinen eigenen Garten an. Von seiner Spargruppe leiht er sich 40.000 ugandische Schilling für Gemüsesamen. Was als wagemutiger Schritt beginnt, entwickelt sich schneller als gedacht. In nur wenigen Monaten steigt er zum führenden Gemüselieferanten im Sidok Sub County auf und erwirtschaftet aus seinem eingesetzten Kapital einen Gewinn von 180.000 ugandischen Schilling.
Geld ist nicht das Einzige, was er gewinnt. Als die Regenzeit endet und andere Gärten vertrocknen, bleiben Kubals Pflanzen dank der in den Zai Gruben gespeicherten Feuchtigkeit noch viele weitere Wochen grün.
Einen ganzen Monat gewinnt er allein durch die einfache, kostengünstige Anbauweise. Nun werden auch seine Nachbarn auf seine Arbeit aufmerksam.
„Als die Leute mich zuerst beim Graben der Zai Gruben sahen, dachten sie, ich spiele nur herum. Aber als sie erkannten, dass ich Gemüse verkaufen und meine Familie versorgen kann, begannen sie meine Arbeit zu bewundern", erzählt Peter.
Gemeinsam eine Zukunft schaffen
Bei einer erneuten Versammlung der Jugendlichen im Januar 2026 in der Pfarrei Loyoro, ist der 25-Jährige nicht mehr als Lernender unten ihnen. Er ist derjenige, dem die Jugendlichen zuhören. „Wir gehen nicht nur zur Schule, um Arbeit zu finden. Mit den richtigen Fähigkeiten können wir uns selbst Arbeit schaffen", sagt Peter.
Peter Kubal ist mehr als eine Erfolgsgeschichte. Er ist der lebende Beweis dafür, dass Karamoja eine hoffnungsvolle Zukunft hat, wenn Menschen füreinander eintreten, wenn Wissen weitergegeben wird und wenn niemand allein gelassen wird.
Text: Anna Pfefferkorn