„They own the project“
Die Teilnehmer:innen übernehmen selbst die Verantwortung für „ihr“ Projekt, erzählt Projektinitiator P. Philip Adede Amek über das Hauptprojekt 2024.
Er studierte Theologie und Internationale Entwicklung. Sein tief verwurzelter Wunsch, das Leben der Menschen zu verbessern und die Freude seines Glaubens mit ihnen zu teilen, brachte ihn zu den Josephsmissionaren. Das Anliegen, die Lebenssituation der ihm anvertrauten Menschen zu verbessern, ließ ihn ein Projekt in der äußerst abgeschiedenen und benachteiligten Karamoja-Region in Uganda entwickeln, das viele traditionelle Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit auf den Kopf stellt. P. Philip Adede Amek (44) ist heute Mitglied des Generalrats, der weltweiten Leitung seines Ordens und lebt in Maidenhead westlich von London. „Sein" Herzensprojekt im Nordosten Ugandas unterstützt er nach wie vor organisatorisch und inhaltlich.
Sie stammen ursprünglich aus Kenia. Wie sind Sie in die Karamoja-Region in Uganda gekommen?
Meine Arbeit in Karamoja begann 2005 während eines zweijährigen Praktikums im Rahmen meines Studiums. Diese Zeit war prägend, da ich nicht nur die Sprache und Kultur der Region kennenlernte, sondern auch viel über mich selbst. Nachdem ich 2009 mein Studium in Nairobi abgeschlossen und die Priesterweihe erhalten hatte, war ich voller Freude, als ich für meine erste Mission wieder nach Karamoja gesandt wurde. Gemeinsam mit dem verstorbenen Pater Leonhard Wiedemayr wurde ich nach Loyoro gesandt, wo wir die Pfarre wieder eröffnen sollten. Die Region hat eine lange und schwierige Geschichte, die Sicherheitslage war so schlecht, dass über Jahrzehnte nicht einmal Priester dort bleiben konnten.
Im Jahr 1987 überfielen die Turkana aus Kenia das Gebiet und richteten großen Schaden an. Viele Menschen wurden getötet, das Vieh wurde gestohlen, und etwa 70 % der Bevölkerung mussten fliehen. Loyoro liegt zusätzlich genau an der Grenze der Gebiete zwischen zwei verfeindeten ethnischen Gruppen. Diese Tragödie hinterließ tiefe Wunden, und bis heute ist die Region aufgrund von Konflikten zwischen den beiden Ethnien oft unsicher.
Was sind die wichtigsten Ziele Ihres Projektes in Karamoja?
Grundsätzlich zielt das Projekt darauf ab, die Zukunftschancen der Jugendlichen in der Region zu verbessern. Die jungen Menschen erlernen handwerkliche Berufe wie Schneiderei, Friseurhandwerk und Schusterei. Diese Fähigkeiten ermöglichen es den jungen Menschen, sich ein eigenes Einkommen zu schaffen und zur Entwicklung ihrer Gemeinschaft beizutragen. Durch die Zusammenarbeit der beiden Ethnien im Kontext des Projekts trägt es zudem zum Frieden in der Region wesentlich bei.
Der Einsatz von Empowermentgruppen ist dabei zentral für das Gelingen des Projekts. Sie zielen darauf ab, Einzelpersonen oder Gruppen zu befähigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, ihre Probleme selbst zu lösen und ihre Umstände zu verbessern. Er betont den Glauben, dass Einzelpersonen die Fähigkeit haben, sich selbst zu helfen, und dass sie die Hauptverantwortlichen für ihre eigene Entwicklung sind. Dieser Ansatz gibt den Men-schen auch das Gefühl, selbst die Verantwortung für ihre Entwicklung zu tragen und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.
Wie ist es zu diesem Ansatz gekommen?
Ein entscheidender Moment war 2011, als eine NGO den Menschen Maissamen zum Anbau zur Verfügung stellte. Doch viele wuschen die Samen und aßen sie, weil sie wussten, dass es nicht die richtige Jahreszeit zum Pflanzen war. Die NGO war enttäuscht, aber als ich die Situation mit den Frauen der Gemeinde besprach, erklärten sie, dass sie niemals um die Samen gebeten hatten und in dieser Jahreszeit das Essen der Samen der einzige verbleibende Nutzen sei. Diese Erfahrung zeigte mir, dass die Menschen am besten wissen, was sie brauchen, und dass wir sie ermutigen sollten, ihre eigenen Lösungen zu finden. Das hat entscheidend zur Entwicklung unseres Empowerment-Ansatzes geführt, der auch zur traditionellen Gemeinschaftsstruktur in Karamoja passt.
Was macht die Region Karamoja so besonders herausfordernd?
Karamoja ist eine der ärmsten und am meisten vernachlässigten Regionen in Uganda. Die klimatischen Bedingungen, die Unsicherheit und die fehlenden Investitionen der Regierung haben die Region über Jahre hinweg isoliert. Während der Kolonialzeit wurde Karamoja als Schutzgebiet ausgewiesen, was die Bewegungsfreiheit der Menschen stark einschränkte. Nach der Niederlage der Lord’s Resistance Army (LRA) in Norduganda richtete sich das Augenmerk der Regierung jedoch allmählich auch auf Karamoja. Der Friedensprozess und die Entwaffnung der Bevölkerung brachten eine gewisse Stabilität und eröffneten neue Entwicklungsmöglichkeiten. Trotzdem bestehen weiterhin Unsicherheitszonen, und bewaffnete Viehdiebstähle sind leider noch immer an der Tagesordnung.
Gibt es Überraschungen oder unerwartete Entwicklungen im Projekt?
Eine interessante Entwicklung war der Wandel der Geschlechterrollen im Rahmen einer unserer Catering-Schulungen. Ursprünglich war die Schulung für Mädchen gedacht, um sie im Catering zu stärken. Doch bald bemerkte ich, dass nicht nur die Mädchen aktiv am Kochen und Verkaufen beteiligt waren, sondern auch ihre Brüder. Die Mädchen hatten ihnen die Fähigkeiten beigebracht, und so übernahmen die Jungen das Geschäft. Diese Umkehrung der traditionellen Rollenverteilung war unerwartet und zeigt, dass das Projekt auch tief verwurzelte gesellschaftliche Normen verändern kann.
Welcher Aspekt des Projektes liegt Ihnen besonders am Herzen?
Das Schneider:innenprogramm liegt mir besonders am Herzen. Es wurde ins Leben gerufen, um jungen Mädchen eine Alternative zur Frühverheiratung zu bieten. Die Frühverheiratung ist eng mit der schlechten Versorgungssituation verknüpft. In großen Familien werden Mädchen früh verheiratet, um den Rest der Familie besser ernähren zu können. Durch die Ausbildung in Schneiderei haben diese Mädchen die Möglichkeit, ein eigenes Einkommen zu er-zielen und ihre Unabhängigkeit zu wahren. Viele der jungen Frauen, die das Programm durchlaufen haben, haben inzwischen eigene Geschäfte gegründet und sind zu Vorbildern für ihre Gemeinschaft geworden. Sie sind regelrechte Role Models und lautstarke Kämpferinnen gegen Früh-, Zwangsverheiratung und arrangierte Ehen geworden. Damit stellen sie die vorherrschenden kulturellen Normen in Frage. Besonders wichtig ist, dass sie selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können.
Dieses Interview erschien in gekürzter Form erstmals in „moment”, der Beilage der Tiroler Tageszeitung, am 13. Dezember 2024.
Biographische Informationen zu P. Philip Adede Amek
1980 geboren in Homa Bay, Kenia
1999 Eintritt in das Noviziat der St. Josephsmissionare von Mill Hill
2005-2007 erster Aufenthalt in der Karamoja-Region während seiner Studienzeit
2009 Ewige Profess in Nairobi und Priesterweihe
2009 - 2015 im Oktober erster Einsatz nach der Priesterweihe, wieder in Karamoja, gemeinsam mit dem bekannten Osttiroler Missionar P. Leonhard Wiedemayr, der ihn nach eigenen Angaben sehr geprägt hat.
2010 im Januar eröffnet er gemeinsam mit P. Leonhard Wiedemayr die Pfarre Loyoro wieder, die aufgrund der unsicheren Lage in der Karamoja-Region seit vielen Jahren geschlossen war.
2011 Schlüsselerlebnis mit Saatgut. Entwicklung des neuen Konzepts. Im selben Jahr wurde das erste lokale Projekt durch Vermittlung von Pater Leonhard von Bruder und Schwester in Not unterstützt.
2015-2020 ordensinterne Leitungsaufgaben in Kenia und Uganda
2018-2020 MA Internationale Entwicklung
2022 wird er in die Leitung des Weltordens ("Generalrat") gewählt, sein Verantwortungsbereich sind die Ordensniederlassungen in Afrika und der Themenbereich "Entwicklung"