Projektreise nach Uganda
Begegnungen, Erkenntnisse und die Kraft des direkten Austauschs
Eine Projektreise ist immer etwas Besonderes. Für Bruder und Schwester in Not sogar ein unverzichtbarer Teil der Arbeit. Denn so wertvoll Berichte, E-Mails oder Fotos auch sind: Erst wenn man die Menschen vor Ort trifft, ihre Stimmen hört, in ihre Lebenswelt eintaucht und gemeinsam am selben Tisch sitzt, entsteht ein umfassendes Verständnis dafür, wie viele tatkräftige Menschen ein erfolgreiches Projekt ausmachen, was Projekte tatsächlich bewirken und man kann gemeinsam auf Augenhöhe planen, welche nächsten Schritte zur Fortführung oder Verbesserung eines Projekts nötig sind.
Im März 2026 machten sich Geschäftsführerin Marika Eisner und Projektreferentin Sandra Schett aus Innsbruck auf den Weg nach Uganda. Ihre Reise führte sie zu neuen und langjährigen Partnerorganisationen, zu engagierten Gemeinschaften, zu mutigen Frauen und zu vielen Momenten, die berühren und inspirieren.
Caritas Mityana: Wo ein Schwein Hoffnung bringt
Die erste Station war eine Partnerorganisation im Westen der Hauptstadt Kampala, in der Region Mityana: die Caritas Mityana. Dort läuft seit über sieben Jahren das „Glücksschweinprojekt“, ein Projekt, das auf den ersten Blick fast unscheinbar wirkt, in Wirklichkeit aber enorme Veränderungen bewirken kann. Die Familien erhalten Ferkel, durch deren Aufzucht und Weiterverkauf sie sich den Schulbesuch für die Kinder und andere Notwendigkeiten leisten können.
Gemeinsam mit der Projektmanagerin Prossy Naskovia besuchten Marika und Sandra mehrere Familien, die am Projekt teilnehmen. Die Frauen erzählten offen und stolz von ihrem Weg: Wie sie mit viel Geduld und harter Arbeit ihre Tiere großziehen, wie sie verkaufen, sparen, erneut investieren. Manche konnten sich dadurch ein neues Dach über dem Kopf leisten, andere eine stabile Wellblechtür – kleine Bausteine für mehr Sicherheit, Würde und Unabhängigkeit.
Northlight Green Services (NGS) in Gulu: Wissen als Schlüssel zur Gerechtigkeit
Von Mityana ging es in den Norden Ugandas in die Stadt Gulu. Der zweite Besuch führte zur Partnerorganisation Northlight Green Services (NGS) und hinterließ einen tiefen Eindruck.
Die junge Organisation NGS arbeitet mit großem Engagement daran, dass Bewusstsein und Wissen von Frauen über ihre Land- und Erbrechte zu stärken. Denn, obwohl die Verfassung Ugandas klar festlegt, dass Söhne und Töchter zu gleichen Teilen erben, hält sich in vielen Regionen hartnäckig eine Tradition, die Frauen und Mädchen benachteiligt.
Beim Treffen mit der für Landfragen zuständigen Bezirksverwaltung beeindruckte Marika Eisner und Sandra Schett besonders, wie gut die Verantwortlichen über das Projekt Bescheid wussten. „Fast jeder Konflikt, der zu uns kommt, hat etwas mit Land zu tun.“, so einer der Beamten.
Viele Fälle spielen sich innerhalb der Familien ab und betreffen Frauen, vor allem nach Trennungen oder Todesfällen ihrer Partner, Ehemänner und Väter. NGS unterstützt die Parteien, indem sie Mediation anbietet, bevor Konflikte eskalieren oder vor Gericht landen. “Diese Mediationen werden sehr gut angenommen, da praktikable Lösungsvorschläge gebracht werden und ein Gerichtsverfahren für die Konfliktparteien zu kostspielig wäre”, berichtet Jennifer Okusia, die Gründerin und Direktorin von NGS, vom Erfolg des Projektansatzes.
Ein besonderes Highlight war für die beiden BSIN-Mitarbeiterinnen die Teilnahme an einer von NGS organisierten Community Debate zum Thema “Frauen und Landrechte – Pro und Contra”, einer öffentlichen Diskussionsrunde, in der Bewohner:innen eines Dorfes zu diesen Rechten öffentlich Stellung nehmen konnten.
Was als kleine Runde begann, zog bald immer mehr Menschen an. Die Beteiligung und das Interesse des Publikums waren überwältigend. Es wurde zu Pro und Contra diskutiert, gefragt, widersprochen und wieder diskutiert. Am Ende las das NGS-Team Passagen aus der Verfassung vor, um Fehlinformationen zu korrigieren und über den gesetzlichen Rahmen aufzuklären.
“Solche Begegnungen haben enorme Wirkung,” so Projektreferentin Sandra Schett. “Sie schaffen Bewusstsein, geben Frauen eine Stimme und stärken das Verständnis für rechtliche Grundlagen, damit sie in Zukunft von den Betroffenen vermehrt eingefordert und beachtet werden.”
Caritas Gulu: Saubere Energie und Zukunftskompetenzen
Die Caritas Gulu führt gemeinsam mit kleinbäuerlichen Familien auf ihren Grundstücken Biogasanlagen ein. In diese Anlagen wird ein Gemisch aus Kuhdung so aufbereitet, dass möglichst viel Gas generiert wird, womit gekocht werden kann. Ein wesentlicher Vorteil bei der Verwendung von Biogas ist, dass Frauen und Kinder beim Kochen nicht länger gesundheitsgefährdendem Rauch ausgesetzt sind.
Eine Frau erzählte, wie sie früher stundenlang Holz sammeln musste und wie befreit sie sich nun fühlt, seit sie Biogas nutzt. Kein qualmender Rauch mehr in der Küche. Keine langen Wege. Und das Geld, das sie früher für Holzkohle ausgab, fließt jetzt in die Schulbildung ihrer Kinder.
Auch Anregungen und Nachfragen kamen von den Projektteilnehmer:innen und benachbarten Familien, die wiederum in Reflexion und Weiterentwicklung einfließen.
Beim Besuch einer landwirtschaftlichen Schule erhielten die Besucherinnen außerdem einen Einblick in innovative neue Lehrmethoden. Dort wurde eine Biogasanlage mit der Caritas Gulu gebaut, welche die Schulkinder befüllen. Die Gärreste werden für die Schulfelder verwendet. Die Kinder dürfen verschiedene Anbaumethoden ausprobieren und lernen so, wie sie den Anbau an unterschiedliche Bedingungen anpassen können. Selbst wenn sie später nur einige davon anwenden, haben sie Alternativen kennengelernt und ein Gefühl für nachhaltige Landwirtschaft entwickelt.
Vernetzung am Abend: Ein Raum, in dem Wissen wandert
Ein besonderer Moment der Reise war auch ein abendliches Vernetzungstreffen. Verantwortliche aus den am Projekt beteiligten Organisationen, wie der Caritas Gulu, Universität Gulu, Universität für Bodenkultur Wien, Caritas Kärnten, Missio und Bruder und Schwester in Not kamen da in Gulu zusammen. Die Sitzordnung war bewusst ungewöhnlich gestaltet:
Alle Personen mit ähnlichen Aufgabenbereichen aber aus unterschiedlichen Organisationen saßen an eigenen Tischen und diskutierten das Projektgeschehen aus ihrer Sicht: die Techniker:innen gemeinsam, die Fahrer:innen gemeinsam, die Projektmanager:innen gemeinsam, die Führungskräfte gemeinsam und so weiter.
Das Ergebnis: Ein lebendiger Austausch, in dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen konnten, die in ihrem Arbeitsalltag oft unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Ein Format, das zeigte, wie wichtig es ist, dass Wissen nicht von oben nach unten, sondern auf gleicher Ebene weitergegeben wird.
Mill Hill Missionaries (MHM): Wenn Sport Frieden stiftet
Die Karamoja-Region im äußersten Nordosten Ugandas ist ein Gebiet in dem immer wieder bewaffnete Konflikte aufflammen. Dort schaffen die Mill Hill Missionaries, auf Deutsch Josephsmissionare, mit ihren Projekten Räume für Begegnung, Dialog und Entwicklung von Perspektiven.
Besonders eindrucksvoll war der Besuch einer Sportveranstaltung: Fußball- Netball- und Volleyballspiele zwischen ethnischen Gruppen, die sonst vielfach im bewaffneten Konflikt um Land oder Vieh stehen.
Die Kolleginnen berichteten mit Begeisterung:
„Die Fairness am Spielfeld war bemerkenswert. Manche spielten barfuß, und alle mit so viel Freude und Respekt.“
Sport schafft hier etwas, das sonst schwer zu erreichen ist: Er bringt vor allem junge Menschen zusammen, die sich anfangs feindselig gegenüber stehen und einander misstrauen und öffnet den Weg zu einem friedlichen Miteinander. Wie wichtig Friedensarbeit ist, wurde auch in einem der Friedensgespräche deutlich, die im Vorfeld der Spiele stattfanden. Dort berichtete etwa ein junger Mann von einem Erlebnis, das ihm persönlich die Veränderungen zeige:
“Der Frieden hatte einen entscheidenden Einfluss auf mein Leben. Ohne ihn wäre ich heute vermutlich nicht mehr am Leben. Bei einer Reise nach Nabilatuk, in das Gebiet der anderen ethnischen Bevölkerungsgruppe, blieb ich plötzlich allein zurück, ohne Telefon und ohne Transport. In dieser hilflosen Situation halfen mir Menschen vor Ort, gaben mir Unterkunft und Schutz für zwei Tage. Erst danach konnte ich meine Eltern kontaktieren und nach Hause zurückkehren. Dieses Erlebnis zeigt, wie wertvoll Frieden ist: Er schafft Sicherheit und ermöglicht Hilfe in Momenten größter Not.”
Wieder zurück in Innsbruck – mit vielen neuen Impulsen
Nach intensiven zweieinhalb Wochen kehrten Marika und Sandra wieder nach Innsbruck zurück. Voller Eindrücke, neuer Erkenntnisse und Ideen und der Gewissheit, wie wichtig es ist persönliche Kontakte mit den Mitarbeitenden der Partnerorganisationen und den an den Projekten beteiligten Menschen sind.
Neben den organisatorischen Notwendigkeiten wie Monitoring, Besprechung von Entwicklung und Fortführung von Projekten, öffnen Reisen wie diese den Blick, vertiefen Vertrauen und zeigen eindrucksvoll, wie viel Engagement in den Gemeinden steckt. Und sie erinnern daran, dass Entwicklung nicht nur ein Konzept ist, sondern aus Menschen besteht, die gemeinsam Zukunft gestalten.
Text: Sophia Beecht