30.04.2025

Danke für zwei Jahrzehnte in der EZA

Interview mit Magdalena Wiesmüller anlässlich des Wechsels in der Leitung

Mit 1. Mai 2025 geht die Geschäftsführung von Bruder und Schwester in Not (BSIN) offiziell von Magdalena Wiesmüller auf Marika Eisner über. Eisner hatte zuletzt bereits die interimistische Leitung inne. Bischof Hermann Glettler bedankt sich bei Magdalena Wiesmüller, die sich fast 20 Jahre in der Diözese für Entwicklungszusammenarbeit engagierte. Seit 2006 war sie in verschiedenen Funktionen im diözesanen Netzwerk Welthaus beschäftigt, seit 2012 bei BSIN. 2019 übernahm sie die Leitung der diözesanen Stiftung. „Ich habe an ihr immer die Ruhe, mit der sie Projekte entwickelt hat, ihre hohe entwicklungspolitische Kompetenz und die Genauigkeit, mit der sie Projekte begleitet hat, geschätzt!" sagt Bischof Hermann Glettler. Darüber hinaus habe sie ihren eigenen Glauben eingebracht, immer die Weltkirche als Ganzes im Blick gehabt und es sei ihr besonders wichtig gewesen, den Partner:innen im globalen Süden auf Augenhöhe zu begegnen. Herzlich willkommen heißt der Diözesanbischof Marika Eisner: „Sie hat zuvor die Dreikönigsaktion der Diözese geleitet und ist jetzt nahtlos in die entwicklungspolitische Arbeit bei Bruder und Schwester in Not eingestiegen." 
Anlässlich des Wechsels haben wir Magdalena Wiesmüller einige Fragen gestellt.
 

Arbeiten in der Entwicklungszusammenarbeit

Was ist in deiner Zeit bei BSIN besonders wichtig geworden?
Besonders wichtig war mir immer die transparente Kommunikation und der Dialog auf Augenhöhe mit den internationalen Partnerorganisationen. Bestärkt wurde ich im Laufe der Jahre in der Überzeugung, dass unsere Partner:innen im globalen Süden die Expert:innen für ihre Projekte sind und dass wir unglaublich viel von ihnen lernen können. Wichtig war mir auch immer, dass unsere Projekte auf mehreren Ebenen wirken: von der direkten Unterstützung benachteiligter Menschen und der partizipativen Gemeinwesenarbeit bis hin zu gesellschaftspolitischen Maßnahmen und Anwaltschaft auf nationaler und internationaler Ebene.
Im Bereich unserer Projektarbeit ist mir immer bewusster geworden, dass die Stärkung von Frauen und Mädchen und ein gender-sensibler Blick auf alle Projekte ein wesentliches Element für eine sinnvolle, wirkungsvolle Arbeit sind. Ebenso ist es wichtig, die Partnerorganisationen zu stärken und bedarfsorientiert Kompetenzen und nachhaltige Organisationsstrukturen zu fördern, und zwar in einem partizipativen Prozess und nicht „top-down“.
Unsere gute und kollegiale Zusammenarbeit im eigenen Team und in unseren Netzwerken ist die Basis dafür, den Aufgaben gerecht zu werden. Besonders bei komplexen Problemstellungen war mir die ehrliche Reflexion unserer Arbeit immer wertvoll und wichtig: Der Austausch im Team, mit Kolleg:innen, mit den Partnerorganisationen und in Netzwerken hat sich bewährt, um Herausforderungen zu analysieren, blinde Flecken zu erkennen und die Qualität der Arbeit ständig weiterzuentwickeln. All dies ist wichtig, wenn man den hohen Anspruch hat, transformativ zu sein und auch strukturell etwas zu verändern hin zu mehr Gerechtigkeit, Frieden, Nachhaltigkeit und Demokratie.
Ebenso wichtig finde ich eine Haltung der Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber unseren Spender:innen und all den Gruppen, Pfarren, Schulen und engagierten Menschen in Tirol, die BSIN unterstützen.

Gibt es etwas, das du als kritische Entwicklung siehst?
Die aktuelle Politik vieler Länder in Richtung Rückzug aus der Entwicklungszusammenarbeit oder auch die Kürzung von öffentlichen Mitteln der EZA ist äußerst kritisch zu sehen und stellt eine große Herausforderung dar, insbesondere für die betroffenen Menschen in den Ländern des globalen Südens. Auch für alle Partner- und Geberorganisationen, die in diesem Bereich arbeiten, ist dies eine große Herausforderung. Umso wichtiger ist es, dass wir uns innerhalb unserer Netzwerke und mit den Partnerorganisationen gut vernetzen und auch Anwaltschaft und Lobbyarbeit betreiben, im Sinne einer globalen Solidarität und eines weltweiten Einsatzes für ein menschenwürdiges Leben für alle. Kritisch zu sehen ist sicher auch ein euro-zentristisches Weltbild, von dem wir geprägt sind und das wir ernsthaft und kritisch reflektieren sollten. Wenn wir unserem Anspruch nach Dekolonisierung und echter internationaler Partnerschaft auf Augenhöhe gerecht werden wollen, ist eine selbstkritische Reflexion auf dieser Ebene unabdingbar.
 

Geschäftsleitung seit 2019

Was hat sich verändert, seit du bei BSIN angefangen hast?
Vieles wurde innerhalb von BSIN weiterentwickelt: Beispielsweise unsere Strategie, die mittlerweile eine Schwerpunktsetzung von Themen und Regionen vorsieht, um eine höhere Wirkung der Projektarbeit zu erzielen. Der Fokus liegt nun auf den Themenbereichen Menschenrechte, Stärkung der Zivilgesellschaft und Ländliche Entwicklung. Besonders wichtig ist uns auch das Empowerment von Frauen und Mädchen, die Querschnittsmaterie Bildung und die Förderung von Agroökologie. Auch das Portfolio der Partnerorganisationen hat sich zum Teil verändert: Zu langjährigen Partnerschaften sind neue Organisationen dazu gekommen. Hier haben wir bewusst auch strategisch einen Fokus auf kleinere, basisorientierte Organisationen gelegt, die sehr nahe bei den Menschen sind, eine bewundernswerte Arbeit machen und für die es oft schwierig ist, international Förderungen zu erhalten. Ebenso wurde das Thema Wissensmanagement sowohl für BSIN, als auch in der internationalen Zusammenarbeit allgemein immer wichtiger: Wissenstransfer und Austausch sowie Systematisierung von Erfahrungen sind u.a. Teil dieser Entwicklung, die ich als große Bereicherung für unsere Arbeit erlebt habe. In diesem Bereich haben wir auch viel von der Kompetenz der Kolleg:innen unserer Netzwerken wie Horizont 3000 oder der KOO profitiert.

Was siehst du als wichtigste Errungenschaft für BSIN in der Leitung?
Ich freue mich, dass ich als Leitung, gemeinsam mit meinem Team, die Organisation erfolgreich weiterentwickeln konnte: Die öffentlichen Fördermittel wurden deutlich erhöht und durch das Vertrauen unserer treuen Spender:innenschaft verfügen wir über eine solide finanzielle Basis, die sich auch in schwierigen Zeiten, wie der Pandemie, bewährt hat. Wir konnten ein komplexes internationales Projekt-Portfolio umsetzen, wirksame Konsortialpartnerschaften aufbauen und die Qualität unserer Projekte gemäß den Kriterien des Spendegütesiegels und anderer Leitlinien weiterentwickeln. Unsere Öffentlichkeitsarbeit wurde professionell und innovativ ausgebaut und wir haben Leitbild und Strategie partizipativ weiterentwickelt. In unseren Netzwerken haben wir uns durch unser Engagement und die Qualität unserer Arbeit sowohl Anerkennung als auch Vertrauen erarbeitet. Auch unsere Partner:innen in den Projektländern schätzen uns als dialog-orientierte, anspruchsvolle und professionelle Geber-Organisation. 
Ein besonderes Highlight war für mich immer der „Besondere Adventkalender“.

Was waren Herausforderungen?
Eine große Herausforderung war die Zeit der Pandemie. Zum Glück konnten wir diese schwierige Zeit gemeinsam meistern, insbesondere auch dank unserer Spender:innen, die unsere Arbeit auch in der Krisenzeit so treu unterstützt haben. Unsere Partnerorganisationen und die Menschen in den Ländern des Südens waren uns hier ein Vorbild. Mit bewundernswertem Mut, viel Kreativität und Widerstandskraft haben sie in diesen Jahren versucht, für die benachteiligten Menschen vor Ort die Projekte weiter umzusetzen. Herausfordernd, aber auch spannend war natürlich jedes Jahr die besonders arbeitsintensive Zeit rund um die Adventsammlung. Hier hat sich unsere eingespielte und kollegiale Teamarbeit immer besonders bewährt, weil alle mit hohem Einsatz, großem Engagement und viel Flexibilität dabei waren und das bei voll ausgelasteten, knappen personellen Ressourcen. Diesen beherzten Einsatz und Idealismus habe ich im Team immer sehr geschätzt.
 

Vergangenheit und Zukunft

Woran denkst du besonders, wenn du an die Zeit bei BSIN zurückdenkst?
Ich denke an viele schöne, interessante und prägende Begegnungen: Sei es mit Menschen auf den Projektreisen in Lateinamerika und Ostafrika, beim Austausch in unseren Netzwerken, mit den Mitgliedern in unserem Projektkomitee oder auch im eigenen Team und in der Kolleg:innenschaft. Mit Dankbarkeit denke ich auch an die intensiven Zeiten der Adventsammlung zurück, wo mir immer besonders bewusst geworden ist, wie viele Menschen in Tirol uns unterstützen und begleiten: als Spender:innen, Ehrenamtliche, Pfarrgemeinden, Schulen, Gruppen, Unternehmen und als engagierte Einzelpersonen.

In welche Richtung geht es jetzt bei dir?
Mein Weg wird mich an die KPH Edith Stein führen, wo ich eine Stelle als Hochschullehrperson für Bildungswissenschaften und Internationale Zusammenarbeit antreten werde. Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe. Ebenso bin ich sehr froh, Marika Eisner mit ihren Kompetenzen, ihrer umsichtigen Art und ihren vielseitigen Fähigkeiten die Geschäftsführung von BSIN übernehmen wird und mit einem großartigen Team an der Seite die Organisation weiterentwickeln wird. Ich wünsche dem gesamten Team von BSIN von Herzen alles Gute für den weiteren Weg.
 

Die Fotos wurden bei der internen Abschiedsfeier gemacht. Sie sehen darauf Mitarbeiter:innen von BSIN, Testimonials sowie weitere Mitarbeiter:innen der Diözese Innsbruck © Rachel Mabala