15.07.2026

Gelebte Frauensolidarität in Bolivien:

Promotoras machen den Unterschied

Text: Lisa Burtscher

Bolivien gilt nicht nur als eines der ärmsten Länder Südamerikas, sondern auch als eines der gefährlichsten für Frauen. Diesen beiden Tatsachen sind eng miteinander verknüpft, ebenso wie die Marginalisierung indigener Gemeinschaften und die Benachteiligung von Frauen. An den Schnittstellen leisten seit einigen Jahrzehnten Promotoras, auf Deutsch Menschenrechtsförderinnen, einen wesentlichen Beitrag. Dahinter verbirgt sich ein zukunftsweisendes Modell der Peerberatung, von dem neben den betroffenen Frauen die gesamte Gesellschaft umfassend profitiert. Dieses Modell ist offiziell von der bolivianischen Generalstaatsanwaltschaft anerkannt und in Artikel 29 des Gesetzes 348 zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen verankert. Umgesetzt wird es hauptsächlich durch NGOs. Von den Partnern von Bruder und Schwester in Not engagieren sich mit Yachay Chhalaku, CIPCA und CMLV gleich drei regionale Organisationen in dieser bewährten Methode gegen geschlechtsspezifische Gewalt.

Selbstermächtigung durch Betroffene für Betroffene

Ausgebildete Menschenrechtsförderinnen, starke Bewusstseins- und Vertrauensbildnerinnen, empathische Begleiterinnen bei Behördengängen, unbestechliche Verteidigerinnen, professionelle Expertinnen, kompetente Multiplikatorinnen oder beratende Vor-Ort-Aktivistinnen: Promotoras sind vieles, vor allem aber die ersten Ansprechpartnerinnen von Frauen, die von – meist häuslicher – Gewalt mit all ihren Konsequenzen betroffen sind. Zuallererst handelt es sich bei Promotoras allerdings um Frauen, die in der Vergangenheit selbst Gewalt durch einen Mann erfahren haben. Diese Tatsache macht sie zu vertrauensvollen Partnerinnen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben abseits von Machismo, ökonomischen Abhängigkeiten, tagtäglichen Unsicherheiten, gesellschaftsimmanenter Unterdrückung und permanenter zumindest latenter Bedrohung ihres Lebens.

Yachay Chhalaku: Gewaltprävention durch praktische Geschlechtergerechtigkeit

Yachay Chhalaku (Quechua für: „Austausch ist Wissen“) ist bereits seit dem Jahre 2003 ein BSIN-Projektpartner. Ihrem Namen entsprechend verfolgt die lokale NGO einen thematisch breiten Ansatz. Im Zentrum stehen die Rechte auf menschenwürdige Arbeit und ein gewaltfreies Leben. Gewaltprävention und Ernährungssicherheit sind weitere Schwerpunkte der NGO, die sich in den ländlichen und stadtnahen Gemeinden des Bezirks Sacaba in Cochabamba engagiert, der im Hinblick auf Gewalt gegen Frauen landesweit an der Spitze steht.

Die Organisation ortet tradierte Geschlechterrollen sowie prekäre ökonomische und soziale Verhältnisse als Hauptgründe. Im Rahmen des Projekts „Tarpuy – Ernte: Ernährungssicherheit, Einkommensschaffung und Gewaltprävention“ kommen Promotoras zum Einsatz, die in Zusammenarbeit mit Jugendlichen und weiteren Akteur:innen die Bevölkerung sensibilisieren, an einem neuen Bild von Männlichkeit arbeiten oder durch agrarökologische Maßnahmen die instabile ökonomische Situation von Familien nachhaltig verbessern. Die Ausbildung neuer Promotoras oder die Weitergabe von Best-Practice- Beispielen sind weitere Aufgaben der Menschenrechtsförderinnen.

CIPCA: Stärkung von Frauenrechten als Schutz vor Geschlechtsspezifischer Gewalt

Das Centro de Investigación y Promoción del Campesinado (CIPCA), übersetzt Zentrum für Forschung und Förderung von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, ist im Department Oruro in den beiden Munizipien San Pedro de Totora und Corque aktiv. Die Zusammenarbeit mit Bruder und Schwester in Not besteht bereits seit dem Jahre 2013, unter anderem in einem Projekt, das sich den Themen Ernährungssicherheit und Menschenrechte im ländlichen Raum widmet. Ebenso wie Yachay Chhalaku verfolgt CIPCA einen ganzheitlichen Ansatz, der neben den Frauenrechten im Besonderen die spezifische, von Armut geprägte Situation der indigenen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den Fokus rückt.

Allerdings: Das Feld der Frauenrechte stellt ein konkret ausformuliertes Unterziel des Projekts dar, das die Ausbildung von sechzig Frauen zu Promotoras vorsieht. CIPCA definiert eine Promotora als eine Verteidigerin „der Menschenrechte von Frauen, Jugendlichen und Mädchen/Jungen“. Damit dies bestmöglich gelingen kann, werden unterschiedliche Akteur:innen sowie staatliche Institutionen einbezogen. Im Zuge der Ausbildung werden die Fähigkeiten der Promotorinnen hinsichtlich der Rechte gestärkt, des Weiteren werden in neuen Projektgebieten Schulungen für Promotoras angeboten. Auf eine nachhaltige Bewusstseinsbildung innerhalb der gesamten Bevölkerung zielt eine institutionelle Kampagne ab.

CLMV: „Wohin gehen“ geht alle an

CMLV (Comunidad Misionera Laica Vicentina, zu Deutsch Vinzentinische Laiengemeinschaft) ist ebenso wie Yachay Chhalaku eine Partnerorganisation von Bruder und Schwester in Not, die in den Gemeinden Sacaba und Cochabamba auf den Einsatz von Promotoras setzt. Diese lokale NGO hat sich auf die Förderung von sozialer Gerechtigkeit spezialisiert, wobei insbesondere Frauen durch verschiedene Angebote Selbstermächtigung erfahren sollen. Eindrucksvoll beschrieben wird deren Arbeit im Film „A Donde ir / Wohin gehen“ von Nacho Sánchez Bravo aus dem Jahre 2022 – ab Herbst 2026 auf der Website von Bruder und Schwester in Not zu sehen. Gezeigt wird, wie sich Angst und Trauer in ein Lächeln, wie sich Hoffnungslosigkeit in Vertrauen und Perspektivlosigkeit in Selbstermächtigung verwandeln kann, sofern man die richtigen Partner:innen an seiner Seite und die passenden Werkzeuge in seinen Händen weiß.

Promotoras begleiten die betroffenen Frauen, wenn traditionelle Rollenbilder hinterfragt und aufgebrochen werden und daran anschließend neue Wege beschritten werden können. Dass Kinder und Jugendliche in diesen Prozess sensibel eingebunden werden, ist ein wesentlicher Faktor, um eine nachhaltige Wirkung sicherzustellen. Bereits der Projekttitel „Verbesserter Zugang zur Rechtsprechung für von Gewalt betroffene Frauen durch Peer-Beratung“ spricht eine eindeutige Sprache. Die Pfeiler der Unterstützungsangebote für alle Betroffenen sind ein vertrauensvolles Aufnehmen und empathisches Begleiten einerseits sowie ein klares Informieren und professionelles Beraten andererseits.

Aus diesem Grund arbeiten Promotoras beispielsweise im CAM (Centro de Atención a la Mujer), einem Beratungs- und Frauenschutzzentrum bzw. Frauenhaus. Dort finden Frauen, denen von ihren Partnern Gewalt angetan wurde, umfassende Unterstützung und ein sicheres Dach über dem Kopf. Dieser Aspekt spielt eine überaus zentrale Rolle: Die Betroffenen leben meist in prekären Verhältnissen und sind wirtschaftlich von ihrem Mann abhängig. Wenn sie ihn verlassen, stehen sie vor dem Nichts – und mit ihnen meist ihre traumatisierten Kinder. Neben der wirtschaftlichen und der körperlichen Gewalt spielt zudem die psychische Gewalt eine immense Rolle: Regelmäßige Todesdrohungen und entwürdigende Beleidigungen sind nur zwei typische Ausprägungen solcher Grausamkeiten, denen Frauen oft schutzlos ausgeliefert sind.

Empowerment setzt auf Gegenseitigkeit

Schutzlos vor allem deshalb, da viele Betroffene von der Existenz von Unterstützungsangeboten in vielen Fällen nichts wissen. Aber selbst dann, wenn sie es geschafft haben, die Gewaltverbrechen bei der Polizei anzuzeigen, stoßen sie in der Regel auf eine Mauer von Schweigen, Unwissen und Hilflosigkeit im eigentlichen Wortsinn. CLMV nimmt im Kampf gegen geschlechterspezifische Gewalt auch die Männer mit ins Boot. Hinter dem Programa Terapéutico Para Varones (PTV) verbirgt sich ein Programm, das all jenen psychologische Hilfe bietet, die ihre Familie in Zukunft auf eine gesunde, weil gewaltfreie Basis stellen möchten(1).

Männern, die Gewalt an Frauen ausüben, fehlt es bereits im Vorfeld oft an geschulten Ansprechpersonen, um rechtzeitig Situationen zu entschärfen. PTV verfolgt den pragmatischen Ansatz, dass Gewalt eine Form der Interaktion zwischen den Partner:innen darstellt, wenn es an den richtigen Worten fehlt, um Probleme konstruktiv zu bearbeiten. Männer erfahren Selbsterkenntnis und erlangen dadurch Handlungsfähigkeit abseits von Gewaltausbrüchen, Kontrollverlust und Alkoholmissbrauch als unheilvollen Verstärker. Dieses Angebot für Männer ist auch für Frauen oft (überlebens-)wichtig. Die Erfahrung zeigt, dass sie trotz ihrer massiven Gewalterfahrungen häufig aufgrund des ökonomischen Drucks zu ihren Ehemännern zurückkehren.

Unterschiedliche Schwerpunkte in der Stadt und am Land

Eins haben sämtliche Promotoras-Konzepte gemeinsam: Sie zielen auf eine langfristige und zugleich nachhaltige Peer-Unterstützung gegen geschlechtsspezifische Gewalt ab. Allerdings hängt die konkrete Ausgestaltung der einzelnen Angebote in hohem Maße von den geografischen Gegebenheiten ab. So agieren Promoterinnen in der Stadt hauptsächlich als erste Ansprechpartnerinnen für eine umfassende juristische und psychosoziale Beratung. Darüber hinaus begleiten sie von Gewalt betroffene Frauen bei Behördengängen und zu Terminen bei Institutionen wie der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder dem Jugendamt. Im Gegensatz dazu sind Promotoras im ländlichen Gebiet vor allem Anwältinnen von Frauenrechten sowie kompetente Verbindungspersonen zwischen indigenen Betroffenen und öffentlichen Unterstützungsprogrammen, und leisten wichtige Aufklärungs- sowie Netzwerkarbeit. Außerdem fördern sie landwirtschaftliche Unterstützungsprogramme.

Vom Pilotprojekt zur erfolgreichen Prävention

Inzwischen kann das Promotoras-Konzept auf eine rund dreißigjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Am Anfang standen ein neues Gesetz gegen Gewalt in der Familie sowie eine Gemeinde, die sich bereits damals die Förderung der Frauenrechte auf die Fahnen geschrieben hatte. In El Alto, der zweitgrößten Stadt Boliviens, herrschten 1995 die Rahmenbedingungen, damit Gregoria Apaza, ein lokales Frauenförderungszentrum, präventive Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen strategisch umsetzen konnte. Diese beinhalteten bereits erste Modelle der Peerberatung, die durch den Einsatz vieler engagierter Menschen auf direktem Weg zur Verankerung der heute aktiven Promotoras im Gesetz führten.

Damals wie heute zeigen die Promotoras eindrücklich, wie gelebte Solidarität, gegenseitiges Vertrauen und gemeinschaftliches Engagement dazu beitragen können, Gewaltspiralen zu durchbrechen und Frauen neue Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben zu eröffnen.

Bitte unterstützen Sie die Arbeit der Promotoras in unseren Projekten durch Ihre Spende!

(1) Das Programa Terapéutico Para Varones wird von CMLV mit Unterstützung verschiedener anderer Fördergeber unabhängig von der Zusammenarbeit mit Bruder und Schwester in Not durchgeführt.

Die Projekte von Yachay Chhalaku und CMLV werden durch das Land Tirol unterstützt.