Fußball für den Frieden
Nächste Woche startet die Fußball-WM. Menschen kommen überall zusammen, feuern ihr Team an und verfolgen gemeinsam die Spiele. Sie treffen sich auf Plätzen, in Bars oder im Wohnzimmer. Sie grillen, stoßen miteinander an, springen auf, singen laut mit und raufen sich verzweifelt die Haare. In dieser Zeit kommen alle zusammen: Freunde, Familien, Fremde und Bekannte. Jede:r fiebert mit und verfolgt gespannt, was auf dem Platz passiert. Es entsteht eine Stimmung, die sich nach Gemeinschaft anfühlt.
Mit diesem Gefühl, das Fußball bringt, kann so einiges erreicht werden. Beispielsweise, dass Menschen friedlich miteinander leben und Kinder wieder zur Schule gehen können. Das hört sich jetzt erstmal sehr abstrakt und überzogen an, ist aber Realität.
Wenn Gewalt selbstverständlich ist
In der Karamoja-Region im Nordosten Ugandas wachsen Kinder in einer Umgebung auf, die neben Armut, geringen Ausbildungsmöglichkeiten und Ernährungsunsicherheit auch sehr von Gewalt geprägt ist. Karamoja ist eine Steppenregion, wo lebenswichtige Ressourcen wie Wasser und Bäume stark begrenzt sind und durch den Klimawandel zusätzlich immer weniger werden. Das fördert Konflikte um diese Ressourcen. Die Dodoth und die Jie sind zwei verfeindete Untergruppen der dort lebenden Ethnie der „Karamajong“, deren Lebensweise stark von Rinderhaltung geprägt ist und die sich gegenseitig den Tierbestand durch Viehdiebstähle streitig machen. Besonders Rinder haben eine zentrale Bedeutung für die Karamajong: Zum einen stehen sie für Prestige, zum anderen sichern sie die Lebensgrundlage der Menschen. Die gegenseitigen Viehdiebstähle finden häufig bewaffnet statt und dabei werden zusätzliche schwere Verbrechen wie Vergewaltigungen, Entführungen und im Extremfall auch Morde begangen.
Dadurch hat sich ein Umfeld entwickelt, in dem Gewalt und Unsicherheit ständig präsent sind. Junge Menschen wachsen unter diesen Rahmenbedingungen auf. Sie erleben früh, wie die Konflikte um Ressourcen ausgetragen werden und was das bedeutet. Buben werden jung zu Viehdieben, sogenannten Kriegern, und Mädchen erleben geschlechterspezifische Gewalt und Ausgrenzungen. Sie können aufgrund dessen nicht oder nicht lange zur Schule gehen. Sie wachsen in einer Umgebung auf, die keine Perspektive bietet, besonders keine gewaltfreie.
Fußball als Friedensstifter
Um den Jugendlichen neue gewaltfreie Perspektiven zu ermöglichen, unterstützt Bruder und Schwester in Not [BSIN] ein Projekt, das das Gemeinschaftsgefühl, dass durch Fußball und gemeinsamen Sport entsteht, nutzt, um Frieden in die Region zu bringen.
Wöchentlich treffen sich Jugendliche zu Trainings in ihren Gemeinden. Sie spielen zusammen Fußball, lernen sich kennen und verbringen Zeit miteinander. Diese Treffen werden durch Jugendcamps und Turniere ergänzt, sogenannte Friedensturniere, bei denen Teams aus unterschiedlichen Gruppen aufeinandertreffen. Beim Fußball gibt es Regeln, die für alle gelten. Man muss sich abstimmen, sich aufeinander verlassen und Entscheidungen für das Team treffen. Das verändert, wie Gemeinschaft erlebt wird. In die Trainings sind dann zusätzlich noch Gespräche und Workshops integriert, in denen es um den Umgang mit Konflikten, um Zusammenleben und um gegenseitigen Respekt geht, um ein friedliches Miteinander zu fördern.
Das gemeinsame Fußballspielen bewirkt etwas. Energie, die sonst in Konflikte fließt, wird in das Spiel gelenkt. Statt gegeneinander zu handeln, stehen die Jugendlichen gemeinsam auf dem Platz, mit einem gemeinsamen Ziel. Dadurch arbeiten sie zusammen, es werden Spannungen zwischen den Jugendlichen abgebaut und Vorurteile reduziert. Gerade bei den Turnieren wird sichtbar, dass Zusammenarbeit möglich ist. Für viele Jugendliche bedeutet das auch, neue Perspektiven zu entwickeln. Sie erleben, dass Konflikte nicht nur gewaltsam ausgetragen werden müssen, sondern auch anders gelöst werden können. Das wirkt sich über den Sport hinaus aus, im Alltag, im Umgang miteinander und in der eigenen Vorstellung von Zukunft.
Ein wichtiger Teil ist auch die Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen. Sie erhalten bewusst Zugang zu diesen Räumen, nehmen an Trainings teil und gestalten sie mit. Das verändert Rollenbilder und eröffnet neue Möglichkeiten, sich einzubringen.
So entsteht Schritt für Schritt ein Umfeld, in dem Zusammenarbeit erlernt und erlebt werden kann.
Frieden in Karamoja
Die Auswirkungen des Projektes sind spürbar. Eine Frau erzählt von mehr Sicherheit in ihrer Region, dass sie ohne Angst ihr Haus verlassen kann und dadurch wieder mehr Bewegungsfreiheit hat:
„Heute gehe ich einfach los, gehe zu den Dodoth und komme zurück. Es stört mich nichts mehr außer den Elefanten .“(1)
Der Sport hat zudem auch Auswirkungen auf andere Bereiche. Wenn Frieden in der Region herrscht, müssen männliche Jugendliche auch nicht mehr zu rinderstehlenden Kriegern werden. Sie können länger die Schule besuchen, sich stärker auf die Bildung konzentrieren und entwickeln Perspektiven für ihren weiteren Weg. Das macht sich auch in der Region bemerkbar. Wo Frieden und Gemeinschaft herrscht, kann Entwicklung entstehen.
In Karamoja trägt Fußball zu etwas Großem bei, nämlich dass Menschen friedlich miteinander leben und Kinder wieder zur Schule gehen können.
Wenn nächste Woche die Fußball-WM beginnt und Menschen zusammenkommen, um Spiele zu schauen, zeigt sich, was Fußball auslösen kann: Menschen begegnen sich, verbringen Zeit miteinander und erleben etwas gemeinsam. In Karamoja wird genau das genutzt, nicht nur für den Moment, sondern mit langfristiger Wirkung.
Text: Theresa Bergmann.
(1) Elefanten bedrohen in Uganda die Ernte der Menschen, da sie die Ernte niedertrampeln und fressen. Zudem können Sie aggressiv gegenüber dem Menschen werden.
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Dieses Projekt in der Karamoja-Region wird dankenswerterweise vom österreichischen Ministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport unterstützt.