27.07.2026

Bildung ist Zukunft

Wie ein Lehrer seine Berufung neu entdeckte

Text: Sophia Beecht

Wenn Guido Ibáñez heute in sein Klassenzimmer tritt, ist die Stimmung eine andere als noch vor wenigen Jahren. Kinder lachen, probieren aus, spielen und lernen. Für den 55‑jährigen Lehrer ist das mehr als eine gelungene Unterrichtsstunde. Es ist die Bestätigung seiner Berufung. 

Geboren im Norden von Potosí, in der indigenen Gemeinde Yanayo, erlebte Guido schon früh, wie schmerzhaft Ausgrenzung sein kann. Als Kind hörte er Lehrpersonen sagen: „Warum sollen wir diese Indios unterrichten, wenn sie eines Tages sowieso gegen uns sein werden?“ 

Diese Worte verletzten ihn tief. Und sie hinterließen Spuren. Gleichzeitig waren sie der Auslöser für eine Entscheidung, die sein Leben prägen sollte: Guido wollte Lehrer werden und für eine Bildung ohne Vorurteile und Barrieren arbeiten. 

Unterrichten unter schwierigen Bedingungen

Seit mittlerweile 27 Jahren arbeitet Guido im Bildungsbereich. Er unterrichtete Kinder in verschiedenen Gemeinden im Norden von Potosí, oft unter herausfordernden Bedingungen: große Entfernungen, fehlende Infrastruktur, kaum Unterrichtsmaterialien. Hinzu kam der alltägliche Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, die im bolivianischen Bildungssystem weiterhin präsent sind. 

Trotz Engagement und innerer Überzeugung stieß Guido immer wieder an Grenzen. Ohne methodische Begleitung, ohne geeignete Materialien blieb der Unterricht häufig abstrakt. Die Beteiligung der Kinder war gering und Lernerfolge nur schwer sichtbar. Frustration machte sich breit und mit ihr die leise Frage, wie Veränderung überhaupt möglich sein sollte.

Kawsay Muju – „Saat des Lebens“

In dieser Situation kam Guido erstmals mit dem Bildungsprogramm Sembrando Saberes der Organisation Kawsay Muju in Kontakt.
Kawsay Muju bedeutet auf Quechua „Saat des Lebens“ und genau darum geht es: Menschen zu befähigen, nachhaltige Veränderungen aus eigener Kraft zu gestalten. 

Die 2020 gegründete Organisation arbeitet mit sozial und wirtschaftlich benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Bolivien. Schwerpunkte sind das Recht auf Bildung, ein Leben ohne Gewalt, Ernährungssicherung und menschenwürdiges Einkommen. Im Bildungsprojekt Semilleros de Esperanza – Bildung ist Zukunft liegt der Fokus darauf, Lehrkräfte in innovativen, praxisnahen Unterrichtsmethoden zu stärken und Bildungsangebote stärker an der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen auszurichten. 

Vom Projektziel zur gelebten Realität

Offiziell lautet eines der Projektziele: 
Bildungseinrichtungen sollen eine praxisnahe, innovative und ganzheitliche Bildung fördern, die auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abgestimmt ist. 

Für Guido bekam dieses Ziel plötzlich ein Gesicht und einen lebendigen Alltag. Im Rahmen von Sembrando Saberes lernte er neue Methoden und Werkzeuge kennen: In Sprachfächern arbeitete er mit Handpuppen, Theater und kreativem Schreiben, förderte gezielt das Leseverständnis. In Mathematik nutzte er angepasste Brettspiele, Geschichten und das spielerische Rechnen mit dem „Mercadito“ (kleiner Markt). Gemeinsam mit anderen Lehrkräften stellte er didaktisches Material aus recycelten, lokal verfügbaren und kostengünstigen Materialien her. 

Das Entscheidende aber war: Guido konnte das Gelernte direkt in seinem Unterricht mit 35 Schüler:innen an der Schule Juancito Pinto in der Südzone von Cochabamba umsetzen.

Was sich verändert hat

Wo früher Frustration herrschte, entstand Schritt für Schritt Begeisterung. Der Unterricht wurde lebendig, partizipativ, greifbar. Die Kinder beteiligen sich aktiv, experimentieren, lachen und lernen erfolgreicher. 

„Früher war ich oft enttäuscht über die geringen Lernfortschritte“, erzählt Guido. „Heute sehe ich, wie bedeutungsvoll die Kinder lernen. Und vor allem: Sie genießen es.“ 

Ein Beispiel dafür ist das kleine Theater, das Guido gemeinsam mit Kolleg:innen aus den bereitgestellten Handpuppen gebaut hat. Damit werden Geschichten gespielt, Inhalte vermittelt und Gespräche angeregt. In Mathematik helfen selbst entwickelte Bildkarten und Geschichten, abstrakte Inhalte verständlich zu machen. 

Das Projektziel spricht von innovativen Methoden. In Guidos Klassenzimmer bedeutet das: Kinder, die unter schwierigen Bedingungen leben, entwickeln Freude am Lernen und ein neues Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. 

Mehr als bessere Noten

Für Guido selbst war die Teilnahme am Programm ein Wendepunkt. Sembrando Saberes half ihm, seine Berufung als Lehrer neu zu entdecken. Er fühlt sich wieder motiviert, wirksam, gebraucht. Die Freude am Unterrichten ist zurückgekehrt – ebenso die Überzeugung, dass Bildung ein echter Schlüssel zu Veränderung ist. 

„Zu sehen, wie ein Kind besser lernt und gern in die Schule kommt, erinnert mich jeden Tag daran, warum ich diesen Weg gewählt habe.“ 

Die Geschichte von Guido Ibáñez zeigt, was hinter abstrakten Projektzielen steckt: konkrete Menschen, veränderte Klassenzimmer und neue Perspektiven. Sie macht greifbar, wie aus der „Saat des Lebens“ nachhaltige Bildung wächst und warum Bildung tatsächlich Zukunft ist. 

Bitte unterstützen auch Sie Menschen wie Guido Ibáñez mit Ihrer Spende.