06.05.2026

Besuch aus Bolivien oder nährende Begegnungen beim Dinnerclub

Bruder und Schwester in Not und das Welthaus luden am 24. April 2026 zum Dinnerclub ins Integrationshaus in Innsbruck. Der Abend stand unter dem Motto „Stimmen indigener Frauen“ und somit ganz im Zeichen der Anliegen der Gäste: Erika Rojas und Alicia Cuiza Churquí beeindrucken mit ihrem jahrelangen, beharrlichen Engagement, das darauf abzielt, die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung im bolivianischen Hochland – im Besonderen jene der Frauen – nachhaltig zu verbessern. Geboten wurde neben erkenntnisreichen Einblicken in die Lebensrealität bolivianischer Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ein köstliches Drei-Gänge-Menü, das die Vielfalt Boliviens auf die Teller brachte. Der an BSIN überreichte Spendenerlös in Höhe von € 1.118,50 geht an CIPCA, das bolivianische Zentrum für Forschung und Förderung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern.

Ein Anliegen – zwei Gäste – drei Gänge

Erika Rojas, Agraringenieurin bei CIPCA, und Alicia Cuiza Churquí, Anthropologin bei CEPA (Zentrum für Ökologie und Andenvölker) reisten im Rahmen des Programms „Begegnung mit Gästen“ eine Woche lang quer durch Tirol, um an Schulen vom Leben bzw. den Lebensbedingungen im bolivianischen Hochland zu berichten. Aus der Perspektive indigener Frauen betrachtet, zeichnet sich ein aussagekräftiges Bild, das von prekären finanziellen Bedingungen, geschlechterspezifischer Gewalt und Ungleichheit, Umweltzerstörung sowie fehlendem Zugang zu Wasser und Ernährungsunsicherheit infolge des Klimawandels geprägt ist. Aber auch starke Hoffnungen auf eine gute Zukunft lassen sich beim Zuhören klar und deutlich erkennen: auf stabile demokratische Verhältnisse, die gewährleistete Ausübung von kollektiven und individuellen Rechten – nicht zuletzt von indigenen und Frauenrechten – sowie auf eine nachhaltige Nutzung der lokalen Ressourcen. 

Diese Themen kamen sowohl während der Woche bei den Workshops mit Schüler:innen als auch beim Abschlussabend im Integrationshaus auf den Tisch. Bei Letzterem wurde außerdem ein Drei-Gänge-Menü serviert, das einen kulinarischen Bogen von nachhaltiger Landwirtschaft über indigene Kultur und regionalen Lebensmittel bis hin zu Empowerment und Selbstbemächtigung spannte. Die ausgewählten rein vegetarischen Speisen nahmen die Dinnerclub-Gäste mit auf eine genussvolle Reise in die botanische Vielfalt Boliviens. Ein köstlicher Abschluss einer aufschlussreichen Woche, bei der die Selbstbestimmung der Aymara im Mittelpunkt stand. 

Bei den Aymara handelt es sich um die circa 15.000 Menschen starke indigene und meist kleinbäuerlich lebende Bevölkerung in der Projektregion. Diese befindet sich im bolivianischen Hochland auf rund 3.700 bis 4.800 Metern Seehöhe und umfasst die beiden Munizipien San Pedro de Totora und San Corque. Einerseits zeichnen sich die dortigen Gemeinden durch ihre Abgeschiedenheit und Strukturschwäche aus, andererseits sind sie in hohem Maße von globalen Ereignissen wie dem Klimawandel betroffen, der die Artenvielfalt und das gesamte Ökosystem bedroht. Gerade deshalb brauche es „solidarisches Handeln, gerade in Zeiten wie diesen“, so Marika Eisner, Geschäftsführerin von Bruder und Schwester in Not, in ihrer Rede vor den Dinnerclub-Gästen.

Zwei Bolivianerinnen sitzen am Tisch und hören einer Frau zu, die für sie übersetzt.
viele Menschen sitzen an Tischen und unterhalten sich

Bolivien – in jeder Hinsicht vielfältig

Das Menü bewies, dass Boliviens Küche in jeder Geschmacksrichtung köstliche Vielfalt zu bieten hat. So verbarg sich hinter der „Entrada sorpresa“ auf gut Deutsch eine überraschende Vorspeise und dieses Versprechen wurde von den typisch bolivianischen Cuñapés eingehalten. Die kleinen Brotkugeln mit geschmackvollem Innenleben in Form von Käse wurden begleitet von zweierlei Salsa, die einmal die Tomate und das andere Mal den Koriander in den Fokus rückte. Als Hauptspeise wurde mit einem vegetarischen traditionellen Linseneintopf ein herz- und nahrhaftes Mahl aus Lateinamerika gereicht. Neben den Hülsenfrüchten waren frisches Gemüse und Kräuter die geschmacksintensiven Hauptdarsteller. Den süßen Abschluss des Drei-Gänge-Menüs bildete ein Herz und Seele wärmendes Comfort Food der bolivianischen Küche, das bei Groß und Klein seit jeher in aller Munde ist: Arroz con Leche (Milchreis mit Zimt). 

Aber nicht nur kulinarisch beeindruckt Bolivien mit seiner Vielfalt. Als plurinationaler Staat erkennt Bolivien sämtliche 36 indigenen Nationen an, die innerhalb der Landesgrenzen leben. Darüber hinaus treten in dem südamerikanischen Binnenland fast alle Vegetationsformen auf, die diese Erde aufbietet. Das Spektrum reicht vom heißen Tiefland über das Altiplano (Hochland) mit kühl-gemäßigtem Klima und geringem Niederschlag bis hin zu den eisig kalten Gipfeln der Anden in rund 6.000 Metern über dem Meer. Damit einhergeht eine kulturelle Vielfalt, die ebenfalls eines der typischen Kennzeichen Boliviens darstellt. 

Ein Rezept für mehr Selbstbestimmung und Unabhängigkeit

Einen wesentlichen Bestandteil dieser Kultur stellt die Landwirtschaft dar. Aktuell unterstützt Bruder und Schwester in Not zwei CIPCA-Projekte, bei denen der Fokus auf dieses Thema gerichtet ist. Zusätzlich zielt das gemeinschaftliche Engagement von CIPCA und BSIN auf ein Leben der Frauen frei von Gewalt sowie die politische und wirtschaftliche Autonomie der indigenen Bevölkerung ab. Laut CIPCA-Direktorin Beatriz Condori Quispe sei „Selbstbestimmung“ die wichtigste Zutat, denn sie „ist der Schlüssel zur Veränderung der Lebensrealität von Frauen“. CIPCA ist seit 2011 in der Projektregion tätig und agiert bereits seit 2013 als BSIN-Partnerorganisation vor Ort. Das Projekt, das mit dem Spendenerlös des Dinnerclubs unterstützt wird, richtet sich hauptsächlich gegen Umweltzerstörung und deren Folgen. Es läuft noch bis Dezember 2026 und befindet sich derzeit in seiner zweiten Phase. 

Greifbar wir dessen geradezu überlebenswichtige Bedeutung am Beispiel von Alicio Renifija Mamani und seiner Familie. Als Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sind sie auf sich alleine gestellt und den negativen Folgen des Klimawandels schutzlos ausgeliefert. Geringer werdende Niederschläge führen zu Wassermangel auch auf den Feldern und Äckern und in der Folge zu kargen Ernten und Mangelernährung. Als Teilnehmende am Projekt profitiert die Familie von einem überzeugenden Rezept für höhere Erträge, nachhaltiges Wirtschaften und somit für Ernährungssicherheit: Dank der Spenden können den Auswirkungen des Klimawandels und Wassermangels konkrete und praxiserprobte Hilfsmaßnahmen wie Regenwassertanks, Gewächshäuser und Tröpfchenbewässerung entgegengesetzt werden.

Apropos konkrete Hilfe und damit zurück zum Abend des 24. April: Auf den Tischen wartete ein kleines Päckchen auf die Dinnerclub-Gäste. Sein Inhalt waren lauter bunte Maiskörner aus Lateinamerika, die als traditionelles regionales Saatgut eine wesentliche Grundlage der angestrebten Ernährungssicherheit darstellen – auch sinnbildlich: Ein kleiner Same, der kontinuierlich wächst, gedeiht und schlussendlich Menschen nährt, ganz so, wie die CIPCA-Projekte.

Text: Lisa Burtscher